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Nach einer Sporteinheit auf dem Laufband oder einer Schiffsfahrt spürt man weiter Bewegungen, obwohl man schon längst wieder festen Boden unter den Füßen hat. Lesen im Auto oder während der Zugfahrt führt oft zu Übelkeit und geradeaus zu laufen, nachdem man sich im Kreis gedreht hat, ist fast nicht möglich. Diese oder ähnliche Phänomene sind sicherlich allen bekannt. Ihnen gemeinsam ist, dass sie unseren Gleichgewichtssinn auf die Probe stellen und er uns damit bewusst wird. Normalerweise sorgt er ganz im Stillen dafür, dass unsere Wahrnehmung und unser Körper in Balance sind. Aber wie funktioniert der Gleichgewichtssinn?

Wo sitzt der Gleichgewichtssinn?

Das Gleichgewicht ist ein komplexes System – gleich mehrere „Parteien“ im Körper sind beteiligt. So gehören die Augen und der Sehnerv ebenso dazu wie der Tastsinn, die Tiefensensibilität und die Muskulatur. Zentral für die Funktion des Gleichgewichtssinns ist jedoch das Gleichgewichtsorgan (Vestibularorgan). Dieses sitzt gemeinsam mit der Schnecke (Hörsinnesorgan) im Innenohr und steuert unsere vestibuläre Wahrnehmung. Es wird durch das große und das kleine Vorhofsäckchen, insgesamt drei Bogengänge sowie die sogenannte Ohrlymphe – eine Flüssigkeit, durch die Schwingungen übertragen werden – gebildet. Die Bogengänge stehen im 90°-Winkel senkrecht aufeinander, decken somit die drei Dimensionen des Raumes ab und verarbeiten rotatorische Reize. In den Vorhofsäckchen (Maculaorgane) liegen Sinneszellen, die lineare Beschleunigungen wie z. B. Geschwindigkeiten verarbeiten. Bei jeder Bewegung wird also die Lymphe in Bewegung gesetzt und reizt die Sinneszellen. Diese Informationen werden an das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet. So kann der Mensch sein Gleichgewicht wiederherstellen.
Ohrschnecke Infographik

Jede Bewegungsrichtung erkennbar

Das gesamte Gleichgewichtsorgan ist für die Wahrnehmung von Bewegungen in jede erdenkliche Richtung und die Weiterleitung der Informationen an das Gehirn verantwortlich. Lineare Bewegungen, zum Beispiel nach oben und unten beim Fahrstuhlfahren, oder horizontale Beschleunigungen beim Auto- oder Zugfahren sprechen die beiden Vorhofsäckchen an. Neben den Sinnesfeldern besitzen sie eine gallertartige Masse, die bei Geschwindigkeits-
änderungen ebenfalls in Bewegung gerät. Sie ist mit den feinen Sinneszellen verbunden, sodass diese durch die Bewegung der Masse ebenfalls in eine bestimmte Richtung verbogen werden. Dieser Reiz wird an das Kleinhirn weitergeleitet, das entsprechend darauf reagiert, zum Beispiel mit schnellen Augenbewegungen – auch vestibulookulärer Reflex genannt –, um trotz Körperbewegung ein stabiles Bild zu ermöglichen. Die Reizweiterleitung in den drei Bogengängen funktioniert auf ähnliche Weise, nur dass hier vor allem Drehbewegungen, zum Beispiel das Drehen des Kopfes verarbeitet werden.

Störungen des Gleichgewichtssinns

Ein gestörter Gleichgewichtssinn liegt meistens darin begründet, dass die verschiedenen beteiligten Parteien unterschiedliche Informationen an das Kleinhirn senden. Ein gutes Beispiel ist das Lesen im Auto: Während das Gleichgewichtsorgan im Ohr meldet, dass sich der Körper in einer Vorwärtsbewegung befindet, senden die Augen das Signal der Bewegungslosigkeit, weil das Buch in der Hand ruht. Diese verschiedenen Informationen können Schwindel und Übelkeit zur Folge haben. Manchmal treten solche Schwindel jedoch auch im Zusammenhang mit einer Hörstörung auf, vor allem wenn das Innenohr betroffen ist, in dem auch das Gleichgewichtsorgan angesiedelt ist. Wenn Ihnen öfter schwindelig ist, sollten Sie einen HNO-Arzt oder eine HNO-Ärztin aufsuchen, um die Ursache der Gleichgewichtsstörung abzuklären.

Warum ist der Gleichgewichtssinn so wichtig?

Ein intakter Gleichgewichtssinn ist besonders wichtig, da er uns das Gefühl von Sicherheit und Balance vermittelt. Knickt man zum Beispiel beim Gehen um, kann durch einen funktionierenden, trainierten Gleichgewichtssinn ein Sturz vermieden werden. Funktioniert aber einer der am Gleichgewicht beteiligten Sinne alters- oder verletzungsbedingt nicht mehr, würde das Gehirn nicht oder nicht rechtzeitig gewarnt werden und man würde stürzen. Eine Gleichgewichtsstörung kann also Stürze und ein erhöhtes Verletzungsrisiko zur Folge haben und sollte behandelt werden. Zum Glück kann man seine Sinne aber auch stärken und das Gleichgewicht trainieren. Probieren Sie es mal mit leichten Balance-Übungen und versuchen Sie zum Beispiel, einen einbeinigen Stand für 30 Sekunden zu halten. Wenn das gut klappt, können Sie versuchen, das andere Bein nach vorn und hinten zu schwingen. Diese Übungen eignen sich auch für ältere Menschen. Sie trainieren in erster Linie das Gleichgewicht, stärken aber auch die Muskeln und das Gehirn.
Männer beim Fahrrad fahren

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